Taxiangewiesenheit

Eine Riesenchance für das gesamte Gewerbe

In der Diskussion um die Zukunft der Sozialversicherungen geistert das Schlagwort von der Überalterung der Bevölkerung schon lange. Was Jahrzehnte beispielsweise in der Rentenpolitik gerne ausgeblendet oder verdrängt wurde, wird aber immer offensichtlicher: Deutschland vergreist. Die erste Anhebung des Renteneintrittsalters auf 67 Jahre ist nur ein erster notwendiger Schritt hin zu einem unvermeidlichen Anpassungsprozess an eine zukünftig völlig andere Bevölkerungsstruktur.

Eine stark gesunkene Geburtenquote und die dank gesunder Lebensbedingungen und moderner Medizin immer höhere durchschnittliche Lebenserwartung drehen - wie in den meisten westlichen Industriestaaten - die früheren Statistiken um. Was man ehemals noch als Alterspyramide bezeichnete, nimmt zunehmend die Gestalt eines schon ordentlich heruntergeschnittenen Dönerspießes an. Die hieraus resultierenden Entwicklungen sind zumindest mittelfristig - und damit sind 40-60 Jahre gemeint - so sicher wie das „Amen in der Kirche“ und allenfalls auf sehr lange Sicht korrigierbar.

Wir werden schon bald mit einer völlig anderen Gesellschaft zu tun haben, auf die Auswirkungen kann man sich gar nicht früh genug einstellen! Natürlich kann man beklagen, dass künftig immer weniger Erwerbstätige immer mehr Ruheständler schultern müssen, mit kaum absehbaren Folgen für das gesamte Sozialsystem. Man kann sich aber auch vergegenwärtigen, was für Bedürfnisse, Notwendigkeiten und Märkte entstehen - und damit Riesenchancen für angepasste Produkte, Dienstleistungen und Geschäftsideen. Die Gruppe der auf das Taxi angewiesenen Personenkreise wird dabei immer breiter, bedarf aber auch einer sehr differenzierten Betrachtung. Zu unterscheiden ist zwischen derzeitigen Kundengruppen, brachliegenden oder zu wenig beachteten und künftigen Geschäftsfeldern.


Der Status Quo

In der Mobilität Eingeschränkte sind auf das Taxi angewiesen, wenn die „klassischen“ ÖPNV-Verkehrsmittel nur mühsam oder gar nicht nutzbar sind. Vielfältige Gründe sind möglich: Die nächste Haltestelle ist zu weit entfernt, der Mensch ist zu gebrechlich, um sich beispielsweise im Bus noch sicher zu bewegen. Oder er hat auch schlicht Angst, im öffentlichen Raum Opfer einer Gewalttat zu werden. In schwach strukturierten oder ländlichen Regionen wird das öffentliche Verkehrsangebot immer stärker ausgedünnt. Für den Weg zum Bahnhof, ins Krankenhaus oder zum Arzt, aber auch für die tägliche Besorgungen und Einkäufe ist das Taxi die einzige verbleibende Alternative, wenn kein Privat-Pkw mehr vorhanden ist oder aufgrund körperlicher Gebrechen nicht mehr genutzt werden kann. Dieser Personenkreis wächst. In ländlichen Regionen macht er gemeinsam mit den für die Krankenkasse erbrachten Krankenbeförderungen bereits einen Großteil der Umsätze aus. Entsprechend wird dieses Geschäftsfeld in aller Regel auch gepflegt: Fahrpersonal, Fahrzeugpark und das Dienstleistungsangebot sind auf diese Hauptklientel eingestellt. Aber auch in den städtischen Regionen und Ballungsgebieten wächst dieses Kundenpotential stetig und verdient große Aufmerksamkeit.


Ein schwieriges, aber dankbares Geschäftsfeld:
Menschen mit Behinderungen

In der Bundeshauptstadt sind nach einer Mitteilung des Berliner Senats von 2006 rund 543.500 Menschen behindert, was rund 16 Prozent der Bevölkerung (3,4 Mio.) entspricht. Von den 543.500 Menschen leben rund 170.000 mit einem Behinderungsgrad zwischen 20 und 40 Prozent, weitere 373.500 sind als schwerbehindert von mindestens 50 bis 100 Prozent anerkannt. Für Menschen, die in ihrer Mobilität erheblich eingeschränkt sind, gibt es in Berlin einen „SonderFahrDienst“, der den Betroffenen die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben ermöglichen soll. Diesen Tür-zu-Tür-Service mit möglichen Assistenzleistungen wie Treppenhilfe ermöglicht die Mobilitätszentrale „SFD-Berlin“, die seit dem 1.7.2006 von der Wirtschaftsgenossenschaft Berliner Taxibesitzer eG (WBT) erfolgreich betrieben wird. Allerdings werden hier in aller Regel keine Taxis, sondern spezielle, behindertengerechte Fahrzeuge vermittelt. Gleichwohl konnte sich das Gewerbe in der Ausschreibung mit dem besseren Angebot gegen die in diesem Geschäftsfeld tummelnden Hilfsorganisationen durchsetzen. Ein Beispiel, das durchaus Schule machen könnte. Denn Deutschland ist zwar mit einer dichten Infrastruktur der karitativen Organisationen überzogen. Abertausende hier ehrenamtlich Tätige erbringen mit Enthusiasmus und Engagement Hilfeleistungen von unschätzbarem Wert. Auf Funktionärs- und Geschäftsführerebene ist man aber häufig offensichtlich weniger am Wohl der Mitbürger als am eigenen wirtschaftlichen Erfolg interessiert, Scheinheiligkeit ist hier Programm.

Behindertenorganisationen klagen insbesondere bei den angebotenen Fahrdiensten über Inflexibilität, lange Wartezeiten, unmotivierte Zivildienstleistende ohne Fahrpraxis, Gleichgültigkeit sowie ruppiges und respektloses Verhalten gegenüber den Betroffenen. Auch hier eröffnen sich also Geschäftsfelder für sensibilisierte und motivierte Dienstleister. Tipps für den richtigen Umgang mit blinden oder sehbehinderten Kunden oder mobilitätseingeschränkten Menschen mit Behinderungen finden Sie unter anderem im Band 4 der BZP-Schriftenreihe, auch bekannt als „Taxi-Knigge“. Zur Einschätzung des lokalen Marktes nehmen Sie doch mal Kontakt mit den örtlichen Behindertenorganisationen auf! Vielleicht lässt sich der häufig beklagte dichte Filz zwischen Politik und Hilfsorganisationen leichter aufbrechen als gedacht. Das Faustpfand dabei: Ihre potentiellen Kunden schätzen die Neutralität der eingesetzten Fahrzeuge, die nicht schon von weitem als Behindertentransporter zu erkennen sind und so ein gewisses Stigma mit sich bringen.

Gerade die schnelle Verfügbarkeit und Flexibilität von Taxis ermöglicht den Betroffenen oft erst auch die spontane Teilnahme am sozialen Leben, ohne sich auf wochenlange Voranmeldungen einlassen zu müssen. Der Markt jedenfalls ist gigantisch: Nach einer vom „Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung“ vorgestellten Studie dürfte die Zahl der Menschen mit anerkannt schwerer Behinderung von derzeit 6,7 Millionen bis 2050 auf 8,5 Millionen steigen.


Neue Mobilitätslösungen:
Hat das Auto als Statussymbol ausgedient?

Derzeit gibt es rund 47 Millionen Pkw´s in Deutschland, die Fahrzeugdichte liegt bei 603 Kraftfahrzeugen auf 1.000 Einwohner. Damit ist sie zwar einer der höchsten der Welt, viele weniger Begüterte können sich trotzdem kein eigenes Auto leisten. Auch sie sind aber auf Mobilität angewiesen und gehören teilweise zu den treuesten Kunden des Taxigewerbes. Eine wirtschaftlich ungemein attraktivere Zielgruppe will aber gar kein Auto mehr, obwohl man es sich durchaus leisten kann! Laut einer vom Autovermieter Europcar in Auftrag gegebenen europaweiten Studie überlegten im Herbst 2009 fast 30 Prozent der Deutschen, mindestens eines ihrer Autos in den kommenden sechs bis zwölf Monaten abzuschaffen. Hauptgründe für die Entwicklung sind der Studie zufolge das steigende Kosten und Umweltbewusstsein.

Beispielrechnungen zeigen: Ersetzt man sämtliche Fahrten eines nicht häufig genutzten Zweit- oder auch Erstwagens mit Taxifahrten, kommt man billiger weg. Nachvollziehbar sind auch sonstige Frustrationen: Bewusste Ausgrenzung des Individualverkehrs in den Innenstädten durch Fahrverbote, rigide Parkflächenbeschränkungen oder künftig gar Citymaut-Projekte, immer hektischerer und stressigerer Verkehr und miserables Verkehrs- und Baustellenmanagement verleiden gründlich die Lust am stetig teurer werdenden Autofahren.

Das neue Dauerthema C02-Reduzierung und ein allgemein wachsendes ökologisches Bewusstsein schlachten lange Zeit heilige Kühe: Plötzlich soll der Fahrer eines Hybridautos intelligent und sexy, der Besitzer eines protzigen Geländewagens dagegen „uncool“, wenn nicht sogar unsozial sein. High-Tech-Fahrräder, „Segways“, Elektroroller oder vollelektrische Kleinfahrzeuge sind die neuen Statussymbole und werden das herkömmliche Straßenbild wohl bald deutlich verändern.

Auch das in den siebziger Jahren erfundene Car-Sharing hat mit innovativen Modellen eine Chance auf eine echte Renaissance, wenn nicht sogar den Durchbruch. Das in Ulm 2009 von der Daimler AG gestartete „Car2go“-Pilotprojekt zeigt, wie ein modernes Mietkonzept mit einfachem Zugang für den Nutzer aussehen kann - und funktioniert. Begleitend berichten die Ulmer Taxiunternehmer von spürbaren Umsatzverlusten. Andere potentielle Konkurrenten arbeiten an eigenen Konzepten oder stehen bereits in den Startlöchern.

Das Taxi- und Mietwagengewerbe darf aber nicht verzagen und als „grantelnder“ Zaungast sein Schicksal beklagen. Vielmehr gilt es, die große Chance solcher Alternativangebote zu verstehen: Jeder „Autoverzichter“ ist doch ein potentieller Stammkunde. Überzeugen kann man diese anspruchsvolle, aber auch zahlungskräftige Klientel mit verlässlichen Qualitätsversprechen und vor allem einem stimmigen Preis-Leistungs-Verhältnis. Nach 1-2 Irrfahrten mit radebrechendem Fahrer in einem erbärmlichen Siff-Taxi ist dieser Toppkunde dagegen wahrscheinlich für das ganze Gewerbe auf Jahre verloren. Apropos Nichtkunden: Bei einer Debis-Studie zur Taxinutzung gaben 1990 die Hälfte der Probanden an, höchstens 1 mal pro Halbjahr, noch seltener oder gar nicht Taxi zu fahren. Umso wichtiger also, mit Dienstleistungsqualität dieses Potential zu erschließen oder für das Gewerbe wiederzugewinnen. Die Qualitätsmodell „Service-Taxi“ oder „PlusTaxi“ wie auch die politische Initiative des BZP für eine verbesserte Fahrerqualifikation sind hier wichtige Schritte in die richtige Richtung.


Best Ager, Silver Ager oder Generation 50 :
Das Geld liegt sprichwörtlich auf der Straße!

Qualität ist auch die Hauptforderung einer der attraktivsten Kundengruppen, die bislang von der deutschen Wirtschaft sträflich vernachlässigt wird: Während sich Produkte und Dienstleistungen vorrangig an jüngeren Konsumenten orientieren, wächst die Generation der über 55-jährigen beständig.

Viele ältere Deutsche sind aber finanziell gut gestellt und besitzen eine hohe Kaufkraft. Das Nettoeinkommen der 45- bis 55-Jährigen liegt bei monatlich 3.383 Euro, bei den 55- bis 65-Jährigen bei 3.015 Euro. Beide Werte liegen deutlich über dem Bevölkerungsdurchschnitt von 2.771 Euro monatlich. Auch beim Vermögen trumpfen die Älteren auf. Etwa 60 Prozent des Vermögens aller Haushalte - das entspricht 2.200 Milliarden Euro!! - liegt heute in Händen der über 50-Jährigen (Datenquelle: Focus-online). Die Bandbreite dieser Gruppe ist riesig und reicht vom Golf spielenden „angegrauten“ Arbeitnehmer über den jung gebliebenen Ruheständler bis hin zum geistig total fitten Endsiebziger, der mit seinem Rollator noch den Uni-Hörsaal stürmt.

Eines haben Sie aber fast alle gemeinsam: Sie haben ihr Leben lang hart gearbeitet und wollen jetzt die Früchte genießen. Wer hier maßgeschneiderte Angebote liefert und die richtige Ansprache leistet, öffnet wahre Goldgruben. Eine ganze Industrie entwickelt derzeit neue Produkte und Dienstleistungen für die künftige „Seniorengesellschaft“: Von „Seniorenhandys“ über altergerechte Wohnkonzepte, die möglichst lange selbstständiges Leben ermöglichen bis hin zu auf Seniorenbedürfnisse abgestimmte Wohnmobile und Automodelle - Senioren-Hype statt Jugendwahn!

Da zwar jeder alt werden, aber keiner alt sein will, ist es schwer, bei der Kundenanrede den richtigen Ton zu treffen. So wird der Endfünfziger aus seinem Selbstverständnis heraus kaum ein „Seniorenhandy“ oder ein „Senioren-Taxi“ bestellen - die Produkteigenschaften einfacher Bedienung, großer Knöpfe und Ziffern beim Handy oder bestimmte Dienstleistungsmerkmale beim Taxiservice wird er aber sehr schätzen - und sein Auto im Zweifel einfach mal stehen lassen.

Es ist also eher anzuraten, dieser Gruppe genau definierte und verlässliche Mindeststandards unter einer altersneutralen Bezeichnung anzudienen. Als Grundlage bieten sich auch hier die BZP-Qualitätstaxi-Modelle an, deren Standards nach oben durch zielgruppengerechte Sonderleistungen - wie etwa Einkaufs- und Besorgungsservices - beliebig erweitert werden können. Die hier möglichen Kundenbindungen zahlen sich doppelt aus, wenn die jetzigen „Best Ager“ vergreisen und aufgrund Krankheit und Gebrechlichkeit zwingend auf das Taxi angewiesen sind. Viele werden dann auf „ihren“ Taxifahrer oder „ihr“ Taxiunternehmen beruhigt zurückgreifen und die treuesten und großzügigsten Kunden sein. Schon viele Taxiunternehmen und kleinere Zentralen auch in den Großstädten erschließen schon heute gezielt diesen Kundenkreis, sehr häufig mit hervorragender Resonanz.


Quintessenz:

Das Merkmal „Taxiangewiesenheit“ beschreibt eine große, aber auch sehr inhomogene und facettenreiche Zielgruppe. Das Verkehrsmittel Taxi spielt hier eine sehr wichtige Rolle für eine soziale und menschliche Gesellschaft. Mit Kompetenz, Engagement und Einfühlungsvermögen lassen sich gleichzeitig enorme Marktchancen erschließen!